Aufmerksamkeitsökonomie und Allianzen.

12. Juli 2021
Ökonomie der Aufmerksamkeit

„Wie können wir unserer Stimme Gehör verschaffen?“ – Internationale Public Affairs Experten diskutieren über die Zukunft von Lobbying in einer sich schnell verändernden Welt.

5 Sekunden, die über Relevanz entscheiden

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass eine Werbung auf YouTube nur fünf Sekunden dauert oder Sie nach dieser Zeit auf „Überspringen“ klicken können? Das ist kein Zufall. In den letzten rund 20 Jahren ist unsere Aufmerksamkeitsspanne kontinuierlich geschrumpft. Heute reichen den meisten Menschen fünf Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen: „Interessiert es mich oder nicht“? Innerhalb von fünf Sekunden sind wir entweder „am Haken“ oder klicken auf die nächste Seite. Das ist der offensichtlichste Ausdruck der Aufmerksamkeitsökonomie.

Gleichzeitig werden wir mit einer noch nie dagewesenen Menge an Informationen konfrontiert. Jede Minute posten fast 350.000 Nutzer auf Instagram, 4.5 Millionen Videos werden auf YouTube angeklickt und mehr als 70 Millionen Nachrichten werden über WhatsApp verschickt. Angesichts dieser “Lawine” an neuen Informationen und neuen Inhalten im Minutentakt haben wir immer weniger Zeit, um zu bewerten, ob etwas für uns relevant ist. Das Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie ist nicht mehr im Aufbruch, es ist bereits in vollem Gange.

In diesem Meer von Informationen wird es immer schwieriger, sich Gehör zu verschaffen. “One Pager” über 3 Seiten oder nüchterne, rein faktenbasierte Briefings – altbewährte Methoden um eine informierte Diskussion zu führen – werden heute kurzerhand einfach nicht mehr gelesen. Wenn nüchterne Fakten mit eindrucksvollen, emotionalen und anschaulichen Bildern konkurrieren, verlieren Fakten – jedes Mal. Der neue Ton der Diskussion ist konfrontativer, emotionaler und dramatischer – das muss er auch sein, um eben unsere Aufmerksamkeit zu erregen. In einer digitalen Welt, die durch COVID-19 beschleunigt wurde, gibt es nur noch wenig Raum für persönliche Treffen – Videoanrufe haben die meisten persönlichen Gespräche ersetzt.

Expertendiskussion: Wie können wir unserer Stimme Gehör verschaffen?

Angesichts dieser neuen Realität diskutierten Gilbert Rukschcio, Mansur Philipp Gharabaghi und Diego Antončić von PANTARHEI Advisors im Rahmen eines interaktiven, digitalen Workshops mit Top-Experten und Public-Affairs-Fachleuten auf europäischer Ebene die Frage „Wie können wir unserer Stimme Gehör verschaffen“? Teilnehmer waren Alicia Sanchis Arellano (Head of European Corporate Affairs, Bank Santander), Kirsten Glennung (Sustainability & Projects Director, E.DSO), Antonia Krische-Reitmayer (Senior Manager Public Affairs, Wienerberger AG), Rolf Kuby (Director, EUROMINES), Julia Riss (Leiterin des Brüsseler Büros für EU Public Affairs, REWE) und Henrik Reimer (Leiter des Brüsseler Büros beim CDU-Wirtschaftsrat), die alle fundierte und inhaltliche Beobachtungen aus der Praxis mitbrachten.

Die folgenden Erkenntnisse ergaben sich auf der Basis des von PANTARHEI erstellten Whitepapers zusammen mit den Experten:

1. Bilden Sie Allianzen in Ihrem industriellen Ökosystem

Alle Teilnehmer waren sich darüber einig, dass in unserer sich schnell verändernden Welt, Politiker den Appetit auf Einzelinteressen verloren haben. Wir sehen eine dramatische Verschiebung der Interessen, insbesondere in Brüssel und eine Tendenz, eine erweitertere Sichtweise zu erwarten, die über das eigene Unternehmen hinausgeht. Ganz einfach: Wenn Sie Ihre Relevanz und die Relevanz Ihrer Anliegen im Rahmen des breiteren industriellen Ökosystems nicht aufzeigen können, wird es schwer sein, gehört zu werden. Ihr Anliegen als Teil eines Industrieverbands, einer Plattform oder einer Initiative zu äußern, kann helfen, die Sichtbarkeit zu erhöhen.

Angesichts der Tatsache, dass die derzeitige EU-Kommission in einem noch nie dagewesenen Tempo neue Gesetze erlässt, wird dieser Punkt noch wichtiger. Informationen müssen für die politischen Entscheidungsträger maßgeschneidert sein. Das bedeutet auch, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich wird, mit technischen Argumenten allein erfolgreich zu sein. Public Affairs muss als Branche politischer und emotionaler in seinen Botschaften werden, um gehört zu werden. Bei jedem Thema wird es darauf ankommen, die Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes aufzuzeigen oder die Auswirkungen auf das gesamte industrielle Ökosystem zu skizzieren. Dies kann nur durch den Aufbau von Allianzen mit gleichgesinnten Stakeholdern und das Aufzeigen von möglicherweise nicht wahrgenommenen Auswirkungen erreicht werden. Mit anderen Worten: Es wird unerlässlich, die eigene Relevanz und den eigenen Anteil an der Erreichung der gemeinsamen Ziele, die sich Europa gesetzt hat, aufzuzeigen.

2. Querformat vs. Hochformat: die neue digitale Realität

COVID-19 hat die Digitalisierung von Public Affairs rasant beschleunigt. Nicht jeder war darauf vorbereitet. Während sich die meisten von uns auf diese neue Realität eingestellt haben, in der Meetings größtenteils online abgehalten werden und die Möglichkeit persönlicher Begegnungen stark reduziert ist, brachte die beschleunigte Digitalisierung auch einige grundlegende Veränderungen in der Art und Weise, wie wir zwischen Unternehmen, Organisationen und der EU interagieren, aber auch eine Verschiebung der Geschwindigkeit, in der Gesetze gemacht werden.

Einig war man sich über die Zwiespältigkeit dieser Entwicklung. Es gibt Vorteile, aber auch Nachteile. Einerseits sind virtuelle Treffen viel einfacher zu planen, da keine Zeit benötigt wird, um sich physisch von einem Ort zum anderen zu bewegen, was zusätzliche Möglichkeiten zum Meinungsaustausch eröffnet. Andererseits waren wir uns alle einig, dass die persönliche Verbindung viel schwieriger herzustellen ist, wenn es keine Möglichkeit zur Interaktion in der realen Welt gibt. Vertrauen und persönliche Beziehungen brauchen Zeit um aufgebaut zu werden, sind aber eine wichtige Grundlage für unsere Arbeit.

Abgesehen davon diskutierten die Teilnehmer auch die subtileren, aber wichtigen Nuancen der Verlagerung von Arbeit und Informationen in den digitalen Bereich. Da Inhalte und Informationen heute hauptsächlich auf Computerbildschirmen und Tablets konsumiert werden, die häufig im Querformat verwendet werden, sind Informationen, die für ein Hochformat (das klassische Blatt eines Pagers) konzipiert wurden, plötzlich schwerer zu lesen. Dies hat eine klare Auswirkung darauf, wie man Daten aufbereitet und anordnet, sodass sie auf einem Bildschirm ohne übermäßiges Scrollen gut zu sehen sind. Die richtige Nutzung dieser neu gewonnenen Bildschirmfläche durch die Gestaltung von Informationen, Factsheets und Infografiken im Querformat (wodurch weniger Scrollen erforderlich ist), sorgt für ein besseres Benutzererlebnis. Obwohl dies wie eine Banalität erscheint, kann es erheblich dazu beitragen, Leser in ihrem nativen Format anzusprechen und so Ihre Botschaft auf einer gut lesbaren Seite zu vermitteln.

3. Die steigende Bedeutung sozialer Medien und neuer Kompetenzen

Weit verbreitet war die Meinung, dass die digitale Realität in den Bereich der öffentlichen Angelegenheiten eindringt. Zunächst einmal verlagerten sich Meetings von einer Minute auf die andere in die “Online-Welt”, da wie oben erwähnt, während einer Pandemie persönliche Treffen nicht möglich waren. Jetzt wo unsere „Offline“-Welt langsam wieder zum Leben erwacht, zeigt sich, dass Online-Meetings nicht mehr wegzudenken sind. Dies bietet mehr Möglichkeiten, Menschen aus ganz Europa (oder sogar der ganzen Welt) in ein solches Treffen einzubeziehen. Auf der anderen Seite erfordert es größere und andere Fähigkeiten, die man anwenden muss.

Wie viel Einfluss haben die sozialen Netzwerke (als Kanal) auf die Meinungsbildung? Eine Frage, die unter unseren Teilnehmern lebhaft debattiert wurde. In der Lage zu sein, diese mächtigen Instrumente zu nutzen, ist eine der Schlüsselkompetenzen, die von Public-Affairs-Fachleuten gefordert werden. Angetrieben wird dies durch die Aufmerksamkeitsökonomie mit ihren kurzlebigen, auf Social Media-Posts basierenden “Informationsfragmenten”, die mittlerweile auch durch und durch in die Public Affairs-Welt und die politische Arena eingedrungen sind.

Die Gruppe war sich einig, dass spezifische Social-Media-Netzwerke wie LinkedIn oder Twitter immer relevanter werden, um seine Botschaft an die Öffentlichkeit zu bringen und mit Menschen in Kontakt zu treten. Allerdings bedeutet dies auch eine zusätzliche Arbeitsbelastung, da solche Aktivitäten nicht „nebenbei“ erledigt oder ausgegliedert werden können. Diese neue Realität eröffnet auch eine immense Menge an Daten, da jede winzige Interaktion überwacht, verfolgt und effektiv analysiert werden kann, was funktioniert und was nicht.

Alle Teilnehmer teilten die Ansicht, dass Social Media viele Möglichkeiten bietet. Allerdings waren sich alle auch einig, dass wir als Public-Affairs-Profis manchmal (noch) nicht die Fähigkeiten oder die „Prozesskompetenz“ haben, um solche Plattformen effizient und effektiv zu managen. Um die neue Realität der digitalen Kommunikation in Public Affairs voll und ganz zu nutzen, müssen wir unsere “Toolbox” für effektive digitale Advocacy-Arbeit noch verbessern, unsere Denkweise, unsere Organisation und unsere Fähigkeiten anpassen.

Wir würden sehr gerne Ihre Meinung zu diesem Thema hören! Treten Sie mit uns über die sozialen Medien in Kontakt oder schreiben Sie an [email protected].  Wir freuen uns auf den weiteren Meinungsaustausch.