COVID-19 und Green Deal.

29. September 2020

Die Transformatoren der europäischen Wirtschaft.

Der zwischenzeitlich nahezu in Vergessenheit geratene Europäische Green Deal gewinnt durch den COVID-19-bedingten Wirtschaftswiederaufbau an noch nie dagewesenem Momentum. Das Konzept der Nachhaltigkeit wird noch stärker zum politischen Taktgeber und entscheidet über die Zukunft von Unternehmen.

Die COVID-19-Pandemie erweist sich zunehmend als gigantisches Wirtschaftsumbauprogramm. Ein seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie dagewesener Einbruch im Wirtschaftswachstum zwingt sowohl die Mitgliedstaaten als auch die EU-Institutionen, finanzielle Mittel in einem beispiellosen Ausmaß zu investieren. Der EU-Wiederaufbauplan „Next Generation EU“ und der mehrjährige Finanzrahmen 2021-2027 sollen insgesamt 1,85 Billionen Euro als Starthilfen für einen neuerlichen Wirtschaftsaufschwung im Einklang mit dem Europäischen Green Deal und der digitalen Transformation zur Verfügung stellen. Diese Summen treffen auf eine Diskussion, die durch COVID-19 kurzfristig fast vergessen wurde und nun aber umso stärker zurückkehrt: die Pläne der Europäischen Kommission, mittels Green Deal große Teile der europäischen Wirtschaft und Industrie umzubauen. “Corona“ erscheint hier als besonderer Beschleuniger zu wirken.

Wenn also diesem Jahr eine frei nach Schumpeter schöpferische Kraft der Zerstörung innewohnt, stellt sich für Unternehmen und Sektoren eine entscheidende Frage: Gibt es für mich noch ein „Morgen“ und soll daher die Politik noch in mich im Sinne unterstützender Regulatorik investieren?

Sein oder nicht sein.

Diese Gretchenfrage beziehungsweise „Greta-Frage“ erhöht den Druck auf Unternehmen und Organisationen, die Existenz ihrer Branchen und Geschäftsmodelle sowie deren Relevanz zu rechtfertigen oder gar zu verteidigen, um als Teil der Lösung auch im finanziellen und regulatorischen Rahmen Platz zu finden. Ganze Wirtschaftssysteme in Europa stehen vor einer Transformation, die zur Schließung bestimmter Unternehmen und Sektoren führen wird, die nicht in der Lage sind, den Nutzen ihrer Tätigkeit für Umwelt und Gesellschaft nachzuweisen. „Nachhaltigkeit“ ist schon längst kein Feigenblatt für CSR-Berichte mehr, sondern ein relevanter Hebel im Schaffen von Märkten, von Regulatorik und für Investmententscheidungen großer Fonds, Banken und Versicherungen. Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft baut mit regulatorischer Unterstützung gerade ganze Wertschöpfungsketten um und wird einige Unternehmen in den Olymp heben und andere in den Abgrund stürzen.

Darüber hinaus sind die Dekarbonisierungsziele der EU eng mit der Sektorkopplung verbunden und lösen sich damit von der traditionellen Sichtweise der voneinander getrennten Industrien. Heute geht es darum, Industrien wie Mobilität, Energie und Digitalisierung zu koppeln, um die Einführung erneuerbarer Energien zu intensivieren, Kohlenstoffemissionen zu reduzieren und andere grüne Praktiken einzuführen. Die EU-Entscheidungsträger werden jedes Unternehmen und seine Praktiken entlang der Wertschöpfungskette gründlich analysieren, um seinen Wert und seine Relevanz für die Gesellschaft und die Umwelt zu beurteilen. Es wird entschieden, welche Wertschöpfungsketten und Ökosysteme „Sunrise Industries“ sind, welche Unternehmen die Welle reiten können und welche von ihr verschluckt werden. Die Unternehmen, die auf der falschen Seite der Geschichte stehen, werden der Vergangenheit angehören.

Wir werden daher einen Kampf zwischen unterschiedlichen Sektoren und Unternehmen erleben, ein Kampf um die begrenzten Ressourcen „Geld“ und „politische Unterstützung“. Gleichzeitig haben sich die Spielregeln, nach denen Interessensdurchsetzung funktionieren, fundamental und schlagartig geändert.