Die Ökonomie der Aufmerksamkeit.

29. September 2020

Die Guten siegen immer.

Wer seine Anliegen durchbringen will, braucht dafür Unterstützer. Das betrifft die Politik im gleichen Maße wie andere Interessensvertreter. Wer mobilisieren muss, braucht die Aufmerksamkeit jener, die er mobilisieren will – es herrscht die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“.

Vor rund 20 Jahren führte Architekt und Softwareentwickler Georg Franck den Begriff „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ erstmals im wissenschaftlichen Diskurs ein. Dieser ist heute aktueller denn je zuvor. Eine noch nie dagewesene Informationsflut sorgt für eine enorm gesteigerte Kommunikationskomplexität und macht unsere Aufmerksamkeit gesamtgesellschaftlich zum knappsten Gut unserer Zeit. Soziale Netzwerke verlagern den Medienkonsum zunehmend in den virtuellen Bereich und ermöglichen es ihren Nutzern, zu jeder Sekunde kostenlos Content zu beziehen und zu generieren. Sie sind wichtige Foren des Meinungsaustausches und der Meinungsentwicklung, in denen jeder Einzelne die Macht hat, mehr Einfluss denn je auszuüben. Durch nutzergenerierte Inhalte bilden sich neue Narrative, es finden sich sowohl Mitstreiter als auch Mitbewerber, die miteinander und im Kampf um Aufmerksamkeit konkurrieren. Großkonzerne wie Google, Amazon, Facebook und Apple verschärfen diesen Trend, indem sie, ausgerichtet an der Ökonomie der Aufmerksamkeit, ihr Geschäftsmodell kontinuierlich weiterentwickeln und durch ihre Omnipräsenz unseren Alltag sowie die Weltwirtschaft dominieren.

Battle for attention als Taktgeber der Politik.

Doch nicht nur unsere Aufmerksamkeit ist beschränkt. Unsere Aufnahmekapazität ist es ebenso. Wir wollen immer mehr, alles immer schneller und am besten zugleich. Durch die Beschleunigung unseres Alltags werden viele Dinge parallel erledigt und nicht relevante Informationen sehr oberflächlich konsumiert beziehungsweise sofort wieder verworfen. Die gewünschten Zielgruppen lassen sich meist nur noch durch großen Aufwand und mit hohem monetärem Einsatz erreichen. Gleichzeitig steht man als Absender im immer schärferen Wettbewerb mit noch mehr Content, der auf den Konsumierenden hereinprasst.

Durch die digitale Transformation sind Kunden und Stakeholder nicht mehr bloß Konsumenten und am Rande beteiligt. Sie sind miteinander vernetzt, wollen gehört, eingebunden und ernstgenommen werden. Sie reagieren mit Ablehnung gegen die, die ihnen die Aufmerksamkeit verweigern. Dieses Spannungsfeld beinhaltet große Potentiale, birgt allerdings auch das Risiko, bewährte Praktiken und Systeme zum Einsturz zu bringen und ganze Geschäftsmodelle vor das Aus zu stellen.

Die neuen Regeln für unser alltägliches Kommunizieren machen auch vor der Politik und ihren Mechanismen nicht Halt. Im Gegenteil: Politiker sowie zahlreiche NGOs, Aktivisten und Pressure Groups, die als „early adopters“ diese Mechanismen früh verstanden haben und bereits seit Jahren anwenden, haben einen klaren Startvorteil gegenüber ihren politischen Mitbewerbern. Es gilt: Nur jene Akteure, die es verstehen, die Aufmerksamkeitsökonomie für sich zu nutzen, können in der neuen Realität die Agenda bestimmen und Gestaltungsmacht ausüben.